Von A nach Bildung: Ein Bildungsexperiment im Zug

Thursday, 27. March 2014

Der Verbund Region Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee, die Hochschule für angewandte Wissenschaften FHS St.Gallen sowie die Thurbo AG wagen ein einzigartiges Bildungsexperiment. Zwei Seminare, eine Vorlesung und eine Lesung werden vom Hörsaal in den Zug verlegt. Erste Erfahrungen zeigen, Studierende der FHS St.Gallen geniessen den Ortswechsel und interessierte Fahrgäste das überraschende Angebot.

Eignet sich der öffentliche Verkehr als Ort der Wissensvermittlung? Wenn ja, in welcher Form? Vier unterschiedliche Bildungsexperimente in Thurbo-Zügen sollen Antworten auf diese Fragen geben.

Zug ein Ort für Bildung?

Bildung ist ständigen Veränderungen unterworfen. Zum einen durch Bildungsreformen, zum anderen durch neue Erkenntnisse und technologische Möglichkeiten. Einzig betreffend des Bildungsortes ist die Entwicklung überraschend zurückhaltend: Nach wie vor sind Klassenzimmer und Vorlesungssäle der einzige anerkannte Ort für Wissensvermittlung im Klassenverband. Dabei ist neurologisch längst erwiesen, dass das äussere Setting das Lernverhalten massgeblich mitprägt. Für Sebastian Wörwag, Rektor der FHS St.Gallen, ist dies auch gleich die Motivation für dieses einzigartige Bildungsexperiment. „Unser Leben heute ist funktional gegliedert in Arbeitszeit, Freizeit, Bildungszeit oder Reisezeit. Als Hochschule interessiert uns, in wieweit sich Bildung auch in und mit anderen Orten und Zeiten verflechten lässt.“

Thurbo als Bildungszug

Mit der Thurbo AG wurde ein perfekter Partner gefunden, der offen war für dieses Experiment. Für Elodie Schwab, Leiterin Vertrieb und Vermarktung der Thurbo AG, kommt der Bildungszug sehr gelegen. „Wir möchten die Zugfahrt für unsere Fahrgäste als Erlebnis gestalten und etwas Ungewöhnliches anbieten. Falls sich das Bildungsexperiment im Zug bewährt, können wir uns durchaus vorstellen, in Zukunft ähnliche Veranstaltungen durchzuführen.“

Spurrillen gelegt, Weichen richtig gestellt

Der Ursprung des heutigen Bildungsexperiments geht zurück auf das 2. Standortforum, durchgeführt durch die Geschäftsstelle der Region Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee. Die damalige Forums-Idee „Im öffentlichen Verkehr überraschen“ wurde weiter entwickelt, die Netzwerker verknüpften schlussendlich die richtigen Akteure. Die Projektleiterin und Mitinitiantin Jasmin Häne, freut sich denn auch, dass ein so spannendes Projekt entstanden ist. „Die Bildungsregion St.Gallen hat mit namhaften Bildungsinstitutionen viel zu bieten. Die Idee, die Zugfahrt in der Region vermehrt dazu zu nutzen, sich auf neue Art und Weise weiterzubilden ist sehr spannend und zeigt, wie viel Innovationskraft in unserer Region steckt.“

Der Bildungsfahrplan

Gestartet ist das Experiment mit einer Lesung von Mark Riklin, Lehrbeauftragter der FHS St.Gallen. Riklin las auf der Strecke St.Gallen-Kreuzlingen Vätergeschichten. Die Erinnerungen an Väter hat Riklin während den letzten zwei Jahren gesammelt und im Archiv für Vätergeschichten veröffentlicht. Die zweite Veranstaltung, die Vorlesung, wurde von Stefan Ribler, ebenfalls Dozent an der FHS St.Gallen, bestritten und widmete sich dem Thema „Bildung und Erziehung in sozialräumlicher Perspektive“. Teilnehmende waren Studierenden der FHS St.Gallen. Interessierte Fahrgäste waren herzlich eingeladen, ebenfalls mitzuhören. Ein kurzes Handzeichen an den „Bildungskondukteur“ genügte, um wie die Studierenden mit einem Headset ausgestattet zu werden. Personen, die nicht teilnehmen wollten, wurden nicht gestört, die Aktionen fanden ausserhalb der Stosszeiten statt.

Viertes und letztes Bildungsexperiment: Sprechexhibitionismus im Zug

Während interessierte Journalisten das dritte Experiment am 27. März live miterleben konnten, findet am Samstag 29. März zwischen St.Gallen und Romanshorn das letzte Bildungsexperiment statt. Das medienpädagogische Seminar „Sprechexhibitionismus im Zug“ befasst sich mit dem Phänomen, dass Reisende im Zug private Geschichten mithören, ob sie das wollen oder nicht. Mark Riklin lädt ein zu einem 7-Minuten-Impuls über Showtelefonieren und „Geschwätzbelästigung“. Das Experiment ist öffentlich, Interessierte sind herzlich willkommen. Der Bildungszug fährt in St. Gallen um 09:04 Uhr ab.

Die Reihe der Bildungsexperimente wird durch die drei Partner ausgewertet. Dazu werden die Reaktionen der am Experiment beteiligten Personen wie auch der regulären Fahrgäste aus unterschiedlichen Perspektiven beobachtet und anonymisiert festgehalten. Die Erkenntnisse fliessen in den Schlussbericht und beantworten die Frage „Eignet sich der öffentliche Verkehr als Ort der Wissensvermittlung?“.

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